
Die Deutschen machen Dienst nach Vorschrift Nur 15 Prozent der Arbeitnehmer sind am Job interessiert. 16 Prozent sogar in der "inneren Emigration". Von Christian Huggenberg - "Die Welt" vom 11.09.2002 | | | |
Berlin - Jeden Morgen, wenn der Wecker klingelt, kriecht er in deutsche Betten - der Alltagsfrust. Wie sehr er unter Deutschlands arbeitender Bevölkerung verbreitet ist, hat jetzt das Gallup Institut Potsdam in einer Studie untersucht. Das Resultat: Null Bock am Arbeitsplatz, so das Credo der repräsentativen Umfrage.
Danach empfinden lediglich 15 Prozent aller Deutschen ihre Arbeit als befriedigend und engagieren sich in ihrem Job. 69 Prozent machten dagegen "Dienst nach Vorschrift" und fühlten sich dem Unternehmen nicht wirklich verpflichtet. Ein weiterer hoher Anteil von 16 Prozent hat sich in die "innere Emigration" zurück gezogen. Als häufigsten Grund für den Frust am Arbeitsplatz nennt Karin Kühn, Mitarbeiterin des Gallup Instituts, das schlechte Management. Vielen deutschen Unternehmern fehle offensichtlich das Bewusstsein für Human Capital. "Die Vorgesetzten interessieren sich nicht für den Mitarbeiter als Mensch", so Kühn. Es fehle an Lob und Anerkennung für gute Arbeit. Auch Mobbing sei in Deutschland ein Problem. Arbeitnehmer bemängeln in der Studie, dass sie oft nicht wüssten, was von ihnen erwartet werde. Außerdem müssten Mitarbeiter häufig eine Position ausfüllen, die ihnen nicht liege, oder ihre Meinung und Ansichten hätten kaum Gewicht. "All dies hat gravierende gesamtwirtschaftliche Folgen"; sagt der Chef von Gallup-Deutschland, Gerald Wood.
Aus dem direkten Zusammenhang von fehlendem Engagement am Arbeitsplatz und ihren Auswirkungen auf die Produktivität ergebe sich in Deutschland ein gesamtwirtschaftlicher Schaden von rund 220 Milliarden Euro. Und obwohl diese Größenordnung fast dem gesamten Bundeshaushalt 2003 (246,3 Milliarden Euro) entspricht, bezeichnet Wood die Gallup-Berechnung sogar noch als konservativ. Denn weder Fehltage noch die so genannte unfreiwillige Fluktuationsrate seien in der Erhebung eingerechnet worden. Tendenziell ist der Erhebung zufolge das Engagement am Arbeitsplatz in Ostdeutschland mit 11 Prozent geringer als in Westdeutschland mit 16 Prozent. Weiterhin zeigt sich ein klarer Geschlechterunterschied. So sind 19 Prozent der weiblichen, aber nur 11 Prozent der männlichen Arbeitnehmer engagiert in ihrem Job.
Fehlendes Engagement am Arbeitsplatz, so führt Gerald Wood an, sei aber letztlich nicht nur eine Frage der Motivation, sondern habe konkrete Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort. Im internationalen Vergleich rangiert Deutschland im Mittelfeld. Ein Trostpflaster ist Frankreich, das mit neun Prozent engagierten Mitarbeitern noch deutlich schlechter abschneidet als Deutschland. Dagegen gibt es nach Gallup-Untersuchungen in den USA mit 30 Prozent doppelt so viele engagierte Mitarbeiter.
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